Was tun, wenn die Beziehung am Ende ist?

Anja Schoop, Juristin und Mediatorin, DGM, Göttingen

Diese Frage stellen sich Paare, wenn sie erkennen, dass sie nicht mehr miteinander leben können. Einige von ihnen wählen den herkömmlichen Weg und suchen sich einen Rechtsanwalt/in, der ihre Interessen vertritt. Oftmals - nicht immer - dauert jedoch ein Ehestreit vor Gericht lange und die Paare machen die Erfahrung, dass sie, obwohl der eine über den anderen z.B. in der Berechnung des Ehegattenunterhaltes gesiegt hat, doch verloren haben. „Verloren" in der Form, als die Gefahr der Abwertung des eigenen bisherigen Lebens besteht, wenn aus einem Ehepaar Sieger und Verlierer werden.

Andere würden gerne alternative Wege beschreiten, wissen aber nicht, welche Möglichkeiten sich ihnen bieten. Eine Möglichkeit, sich zu trennen, ist das Vermittlungsverfahren Mediation. Viele Leser stellen sich jetzt vielleicht die Frage, wie denn eine Trennungs- bzw. Scheidungssituation mit einem Vermittlungsverfahren zusammenpasst? Es passt! Denn mit „Vermittlung" ist das Finden einer für alle Beteiligten fairen Lösung ihrer manchmal für sie unlösbar erscheinenden Streitigkeiten gemeint.

In der Mediation versuchen also die Paare mit Hilfe eines unparteiischen Dritten, dem Mediator/in, ihre Auseinandersetzung über die Besuchsregelung mit den Kindern, die elterliche Sorge, über Unterhaltszahlungen an den Ehepartner und die Kinder, die Hausrats- und Vermögensaufteilung und noch viele andere Fragen bzgl. ihrer Trennungs- und Scheidungssituation, miteinander zu verhandeln. Am Ende der Verhandlungen steht ein rechtsverbindlicher Vertrag/Memorandum, in dem alle getroffenen Vereinbarungen aufgenommen werden. Dieser Vertrag bildet neben dem Ablauf des Trennungsjahres und dem Scheidungsantrag die Grundlage für den Scheidungstermin vor Gericht.

Um die Mediation anschaulicher zu machen, ist im Folgenden auszugsweise ein Interview eines Ehepaares, das eine Scheidungsmediation bei Herrn Köster in Kassel durchgeführt hat, dargestellt:

 
 

Wie sind Sie allgemein auf die Mediation aufmerksam geworden?

Ehefrau:

„Zunächst bin ich durch die Medien und durch Bekannte, überhaupt auf Mediation aufmerksam geworden. Auf diese Weise habe ich erfahren, dass es noch andere Möglichkeiten als ein Scheidungsverfahren mit Anwälten gibt. Ich habe viel davon gehört, dass gerade im Bezug auf Paarprobleme im Wege der Mediation diese versachlicht werden konnten und nicht der Kampf ums letzte Messer stattgefunden hat. Da es in unserer Ehe schon sehr sehr lange Probleme gegeben hat, habe ich immer gesagt, wir brauchen jemanden, der zwischen uns übersetzt. Wir also einfach untereinander nicht mehr klar kamen und uns trennen wollten. Der nächste Schritt wäre eigentlich gewesen, dass sich jeder einen Anwalt nimmt und die Scheidung vor Gericht durchgezogen wird. Ich denke, das wollten wir beide aber nicht. Wir wollten keinen Kampf bis aufs Letzte. Daher erschien uns eine Mediation ganz angemessen".

 

War Ihnen bewusst, dass die Basis der Mediation der Trennungswille ist und sie nicht zum Ziel hat, dass sich das Paar wieder findet?

Ehemann:

„Eigentlich war mir klar, dass die Basis einer Mediation der Wille zur Trennung ist. Im Unterbewusstsein hatte ich aber schon den Gedanken, dass wir uns vielleicht wieder finden könnten ... Denn immerhin war man mit einem Menschen viele Jahre zusammen und hat viele Freuden geteilt, halt auch Leid erfahren ... Aber dann war der Zeitpunkt gekommen, dass wir etwas Konkretes angehen müssen und das war eben diese Mediation. Mir war die Mediation recht, weil das erst mal ein Versuch war, dass auf eine nicht kaputtmachende Art eine Trennung vollzogen wird, ohne dass wir nachher vor einem Scherbenhaufen gestanden hätten. Schliesslich haben wir für alles schwer gekeult".

 

Hatten Sie sich im Vorfeld erkundigt, welche Kosten in einem streitigen Verfahren auf Sie zugekommen wären?

Ehefrau:

„Wir hatten uns beide unabhängig voneinander im Vorfeld informiert, wie teuer ein Verfahren vor Gericht werden könnte. Hinzukam, dass wir uns beruflich und damit auch wirtschaftlich auseinanderdividieren mussten ...daher waren schon viele rechtliche Fragen aufgetaucht, über die wir uns bei Anwälten Klarheit verschafft hatten ... eine Mediation war für uns kostengünstiger".

 

Mit welchen Erwartungen sind Sie in die erste Sitzung gegangen?

Ehemann:

„Ich war neugierig ... ich denke nämlich immer sehr strukturiert und das ist etwas, was ich auch von anderen erwarte. Ich fand es sehr hilfreich, das er einfach von vorneherein ein paar Basissätze wie z.B. „Trennung braucht Realität" benutzt hat ... und uns gefragt hat „was ist in Ihrem Fall wichtig"... dann kamen gleich Begriffe wie z.B. „Zugewinn, Hausrat, Sorgerecht" ... es war also ersichtlich, dass es in der Mediation einen Punktekatalog gab, den es abzuarbeiten galt ...das hat mich angesprochen ... außerdem wurde alles auf dem Flipchart mitgeschrieben, das fand ich gut".

 

Wie empfanden Sie die Hinweise des Mediators, dass Sie in der Mediation die Weichen für Ihr zukünftiges Leben stellen und es daher wichtig ist, über die Regelungen offen zu diskutieren, damit Sie am Ende auch zu ihnen stehen können?

Ehemann:

„Es war von Anfang an ein guter Rahmen, als er gesagt hatte, dass wir die große Chance haben, hier etwas zusammen zu erarbeiten, auch wenn es die Trennung ist und wir aus der Mediation auch mit dem Gefühl herausgehen sollen, dass wir keine Niederlage erlitten haben. Aber dieses Gefühl hatte ich am Ende trotzdem. In meinen Augen ist eine Trennung immer eine Niederlage".

 

Wie empfanden Sie den Vorschlag des Mediators, den Steuerberater hinzuzuziehen?

Ehemann:

„Für mich war es unheimlich wichtig, dass die Zahlen des Steuerberaters in die Verhandlung einbezogen wurden. Das der Steuerberater hinzukam, war eine gewisse Not, weil es für uns alle sehr schwierig war, die Finanzen zu überblicken. Den Wert des Hauses hatten wir mit Hilfe eines Sachverständigengutachtens feststellen und nachvollziehen können, aber die Bilanzen ... da fühlte ich mich überfordert. Es ging darum, den Rat des Mannes einzuholen, der unsere wirtschaftliche Planung aus all den Jahren kannte".

 

Wie würden Sie das Verhältnis zwischen dem Mediator und Ihnen beschreiben?

Ehemann:

„Respektvoll, sowohl in Bezug auf den Menschen als auch auf die Situation. Wir haben uns gegenseitig respektiert".

Ehefrau:

„Menschlich".

 

Wie wichtig ist Vertrauen zum Mediator?

Ehefrau:

„Vertrauen ist sehr wichtig. Einem Mediator muss man auch bestimmte Dinge z.B. die Finanzen anvertrauen können".

 

Wie empfinden Sie das Ende der Mediation, insbesondere die Tatsache, dass am Ende ein Memorandum steht? Ist es etwas, woran Sie sich festhalten können?

Ehefrau:

„Es ist etwas, das zwischen meinem Mann und mir Klarheit gebracht hat, worüber wir Jahrhunderte lang gestritten haben. Und es erscheint mir immer noch wie ein Wunder, dass es so gut geklappt hat. Es ist wirklich für mich ein Start in ein neues Leben. Es ist Befreiung".

Ehemann:

„Wir gehen „anders" miteinander um. Das Memorandum ist etwas, das wir schwarz auf weiß besitzen ...eine gemeinschaftliche Vereinbarung, die auch gerichtstauglich ist, insbesondere durch die in unserem Falle notwendige notarielle Beurkundung ... es gibt Klarheit. Wenn ich auf die letzten Jahre zurückblicke, gab es viele gegenseitige Anschuldigungen, es gab Verletzungen und auch die Frage: „können wir noch miteinander". Gleichzeitig war da der große Haufen an Gemeinsamkeiten, also Familie, Wohnsituation bis zum geschäftlichen Bereich. Ich habe die Angst gehabt, wenn jetzt einer von uns beiden durchdreht, z.B. mit einem anderen Partner, dann kann man hier alles zerschlagen. Das wäre sehr leicht möglich gewesen".

 

Verstehe ich richtig, dass Sie in der Mediation etwas für Ihr zukünftiges Leben gelernt haben?

Ehefrau:

„Auf jeden Fall. Ich habe gelernt, meine Wünsche zu artikulieren. Als es um die Verteilung des Geldes ging, hat der Mediator zu mir gesagt, dass ich schon äußern müsste, was ich wolle und für richtig erachten würde. Er hat meine Rolle als Mutter und Ehefrau wertmässig hochgehoben, indem er betont hat, dass ich in der ganzen Zeit die Werte mitgeschaffen, miterarbeitet hätte und daher nicht "Bitte, Bitte ..." sagen müsste. Durch den Mediator ist mir klar geworden, dass ich mindestens genauso viel geleistet habe, wie mein Mann, wenn nicht sogar noch mehr durch die Doppelbelastung Beruf, Hausfrau und Mutter. Der Mediator hat in diesem Moment auch nicht die Mitte verloren, denn er sprach davon, was wir alles geschaffen hätten, also Vermögen und vier Kinder. Außerdem hat es meinem Mann gut gefallen, zu hören, was ein Außenstehender denkt. Er war auch stolz darauf, dass endlich wertgeschätzt wurde, was wir geleistet haben. Dieses Verhalten von dem Mediator hat viel für die Atmosphäre gebracht. Dass wir aus dem Ganzen, was wir gemacht haben doch keinen Scherbenhaufen hinterlassen haben. Das war einfach gut".

 

Würden Sie wieder eine Mediation als Konfliktlösungsmodell wählen, vielleicht auch in anderen Bereichen?

Ehefrau:

„Ja. Ich finde, es ist eine ganz tolle Lösung, Konflikte nicht eskalieren zu lassen. In unserer Ehe sind die Streits immer eskaliert. Und von daher gesehen wäre die einzige Alternative zur Mediation gewesen, dass sich jeder einen Anwalt nimmt und dann wäre es erst richtig losgegangen. Die Mediation war einfach eine menschlichere Lösung. Sie ist eine sachliche Lösung, die mir sehr gefallen hat, weil mein Mann und ich jetzt noch miteinander umgehen können. Gerade wegen der Kinder. Wir haben z.B. zusammen Weihnachten gefeiert und ich denke, nach einer richtigen Scheidung wäre das nicht möglich. Das wäre auch für die Kinder nicht gut".

Ehemann:

„Ja. Ich denke, dass es sehr wertvoll war, eine gemeinschaftliche Lösung zu finden und nicht vor Gericht zu gehen".

 

Vielen Dank für die Gespräche.

 

Anja Schoop